Philosophische Liebesgeschichten

„Denn keineswegs bin ich etwa selbst in Ordnung, wenn ich die andern in Verwirrung bringe; sondern auf alle Weise bin ich selbst auch in Verwirrung und ziehe nur so die andern mit hinein. So auch jetzt, was die Tugend ist, weiß ich keineswegs; du aber hast es vielleicht vorher gewußt, ehe du mich berührtest“

Bild LASZLO

Der Philosoph als Nicht-Wissender als einer, der Verwirrung stiftet, so zeigt sich Sokrates seinen Gesprächspartnern, als seltsamer Guru nimmt er sich der Beschwerden nicht an, die ihn beschuldigen absichtlich zu verwirren, nicht wissend zu machen, sondern im Gespräch weit weg zu führen von der scheinbaren Erkenntnis.

Im Gespräch mit Menon, das sich mit der Suche nach dem beschäftigt, was Tugend genannt wird, stellt Sokrates eine erstaunliche These auf: Es ist die Verwirrung, die als erste Form von Erkenntnis, oder wie es in diesem Gespräch beschrieben wird, der Wiedererinnerung auftritt.

Alles ist bereits vorhanden, so lautet Sokrates Vermutung, alles Lernen passiert als Erinnern. Erkenntnis gewinnen wir indem wir lernen den Wegweisern im Meer des Vorhandenen zu folgen. Suchen und Lernen werden damit für Sokrates zur gleichen Sache, beide Tätigkeiten haben nur dann eine Chance sich zu entwickeln, wenn zu Beginn der Zweifel steht, aus Wissen folgt nicht Wissen, sondern Unwissen – die Anweisung könnte lauten: Werfen Sie alles weg, was Sie meinen zu wissen und beginnen Sie ein neues Leben!

Jedoch führt auch bereits dieser Ausspruch in die Irre. Das neue Leben, der neue Weg, könnte er wiederum als richtig bezeichnet werden? Sicher nicht. Sokrates Vorschlag lässt uns zurück mit der Idee, dass es etwas wie einen richtigen Weg nicht gibt, dieser aber zu gehen ist. Eine andere Möglichkeit könnte lauten, der Weg, die Strecken, die wir mit Sokrates zu überwinden vermögen, sind Expeditionen, Versuche. Es sind Geschichten, die wir leben, deren Ausgang immer anders ist als geplant, deren Beginn immer die Suche nach etwas ist. Eine Suche, die mit neuen Zielen endet.

Nun stellt sich die Frage, wie an etwas erinnern, das man im Leben nie gelernt hat?

„Wenn nun von jeher immer die Wahrheit von allem, was ist, der Seele einwohnt, so wäre ja die Seele unsterblich, so dass du getrost, was du jetzt nicht weißt, das heißt aber, dessen du dich nicht erinnerst, trachten kannst zu suchen und dir zurückzurufen.“

Wir wollen Sokrates in diesem Punkt etwas freizügig interpretieren. Was schlägt er uns vor? Nicht weniger als die Freiheit alles wissen zu können, in dem Bewusstsein diese Totalität des Wissens schlussendlich nie zu erreichen. Die Möglichkeit der Verbundenheit des Individuellen über Zeit und Raum hinweg, macht jede Einzelne zum virtuellen mastermind oder anders formuliert, die Annahme ist: Es ist schon alles da. Das Versprechen lautet: Du magst forschen so lange du kannst, erfahren wirst du immer mehr, wissen wirst du nie, die Grenzen des Wissens sind nicht zu erreichen. Wissen braucht Unwissen, um den Zweifel für einen Moment aussetzen zu können, um handlungsfähig und damit lebensfähig zu werden, um vor dem wütenden Elefanten zum rechten Zeitpunkt zu fliehen, braucht es eine gewisse Übereinkunft in Wahrnehmung und Denken. Die Aufgabe der Philosophie nun ist, könnte hier mit Sokrates behauptet werden, diese Übereinkunft immer wieder sichtbar werden zu lassen.

Warum aber nun glaubt Sokrates Wissen als Wiedererinnerung behaupten zu können? Sokrates bittet Menon einen Diener seines Hofes zu rufen, um diesen über Geometrie zu befragen. Der Erwählte hatte nicht das Glück in den Wissenschaften unterrichtet worden zu sein, durch die Befragung Sokrates erscheinen ihm die Prinzipien der Geometrie jedoch schnell einleuchtend.

Bis zu diesem Punkt erscheint die Beweisführung des Sokrates ziemlich fragwürdig, man könnte diesem einfach suggestives Fragen unterstellen. Interessant wird der Prozess als die Prinzipien der Geometrie nicht mehr einleuchtend erscheinen als der Diener ins Grübeln gerät und vom Nektar, wie ich heute sagen möchte, getrunken hat. Er will es wissen!

Sokrates behauptet hauptsächlich nicht, dass durch Fragen Wissen an den Tag kommt, wie die Regeln der Mathematik oder andere Kenntnisse, die Sokrates selbst wenig interessieren. Die Befragung zielt auf lediglich eines ab, die Lust am Forschen, am gemeinsamen Nachdenken. Sollten in diesem Prozess Erkenntnisse erscheinen, so mögen diese wahr oder falsch sein, sie sind zweitrangig, Ziel des Prozesses ist das Erstellen eines Verhältnisses, das Ausbilden einer Beziehung zwischen den beiden, die den Prozess des Philosophierens miteinander tanzen.

Platon, Sämtliche Werke 1, Rowohlt, Menon